Das Dokumentarische als Genre wie auch als Kulturtechnik bietet ein besonders reichhaltiges Weltwissen – es bestimmt mithin in einer mediatisierten Gesellschaft wie der unseren in hohem Maße unsere Vorstellungen von Selbst- und Fremdbildern, von Welt und Wirklichkeit. In den letzten Jahren sind im Zuge des Medienwandels hin zu einer verstärkten Digitalisierung neue, v.a. partizipative vernetzt-vernetzende dokumentarische audiovisuelle Praktiken entstanden, die aufgrund der Möglichkeit zu aktiver Teilhabe an Diskursen ein großes (inter-)kulturelles Potential bergen und auch von großer gesellschaftspolitischer Relevanz sind. Dennoch ist festzustellen, dass es in der deutschen Forschungslandschaft bisher an innovativen Ansätzen mangelt, die aktuelle
Phänomene des Dokumentarischen wissenschaftlich erschließen und sich Fragestellungen zuwenden, wie sich das Dokumentarische im Digitalen wandelt und welches gesellschaftliche Potential dieser Wandel u.U. mit sich birgt.

An dieser Stelle setzt das Projekt „DiD – Das Dokumentarische im Digitalen“ an: Gesamtziel des Vorhabens ist es, entlang der Achse der Universitäten Bayreuth (Digitale Medien; Medienlabor) – Hamburg (Expertise in der Filmwissenschaft; dokART Labor) gemeinsam mit weiteren kooperierenden nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen und Hochschulen, neue Paradigmen zur Erschließung emergierender dokumentarischer Praktiken herauszuarbeiten und mithilfe dieses methodologisch-theoretischen Instrumentariums das partizipative Potentials zur Zeit entstehender Phänomene auszuloten und gesellschaftlich nutzbar zu machen.

Das so entstehende Netzwerk, welches neben deutschen Universitäten auch (Film-)Hochschulen umfasst und Kooperationen mit international führenden Partnerinstitutionen einschließt, will dabei zu einer forschungsprogrammatischen Profilierung der Dokumentarfilmforschung beitragen, inhaltliche aber auch strategisch-strukturelle Vernetzung ermöglichen und zu einer größeren Sichtbarkeit des Faches sowie zu einer transdisziplinären, auch international anschlussfähigen Lehre führen.

Gerade im Hinblick auf die eingangs festgestellte gesamtgesellschaftliche Relevanz aktuell emergierender Phänomene erwachsen aus diesem transdisziplinär angelegten Ansatz Synergien mit anderen Fächern: So sollen Methoden und wissenschaftliche Kenntnisse der Dokumentarfilmwissenschaft für andere Disziplinen weiter erschlossen werden – insbesondere an der Schnittstelle der Filmwissenschaft zu Journalistik (Stichwort digital journalism), Informationswissenschaft, aber auch der Theaterwissenschaft und Wissenschaftstheorie, Technik- und Wissenschaftsgeschichte, Ethnologie, Anthropologie und Kognitionswissenschaft sowie ferner Lebens- und Naturwissenschaften. Es geht aber auch darum, das Potential eines ‚kleinen Faches‘ innerhalb des erweiterten akademischen Kontexts sowie darüber hinaus gesellschaftlich sichtbar (bzw. mit dem Podcast hörbar) und nutzbar zu machen – insbesondere im Hinblick auf eine sich gerade konstituierende digitale audiovisuelle vernetzt-vernetzenden Dokumentarfilmwissenschaft.

Hierzu werden Expertisen, die bisher noch separat an verschiedenen Standorten existieren, vernetzt und weiter ausgebaut. Forschungsvorhaben sollen gemeinsam realisiert und Nachwuchswissenschaftler früh in die scientific community eingebunden werden, auch unter Einbezug neuer Lern-Lehrmethoden. Zum einen soll dies in Form virtueller Ringvorlesungen und der Schaffung einer digitalen Plattform des Austausches umgesetzt werden, zum anderen soll eine interaktive, dynamisch wachsende Online-Datenbank mit Kurzbeschreibungen und Analysen paradigmatischer aktueller dokumentarischer Projekte sowie Verlinkungen zu diesen erstellt werden. Kernstück der Maßnahmen ist die Realisierung eines Online– bzw. blended learning Kurses zum Dokumentarischen im Digitalen, der interactive documentaries zusammen mit anderen kontextualisierenden Quellen (Theorietexten, Lehr-Videos, Podcasts, Interviews mit Filmschaffenden, Nutzerführung durch Aufgaben und Fragestellungen, interaktive Sequenzen u.a.) aufbereitet, so dass ein attraktives Angebot für Studierende und darüber hinaus Interessierte entsteht.

Hinzu kommen forschungspolitische Maßnahmen zur besseren organisatorischen Aufstellung und Sichtbarkeit der Forschung in diesem Bereich, u.a. der Gründung einer AG Dokumentarische Praktiken im Rahmen der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Innovative Publikationsformen und Öffentlichkeitsarbeit sollen dazu beitragen, entstehende Forschung gesellschaftlich wirksam werden zu lassen – u.a. durch eine Ausstellung im öffentlichen Raum, mediendidaktische Seminare an Schulen, sowie Workshops für Wissenschaftler anderer Disziplinen und Vertreter von gemeinnützigen Vereinen, die diese befähigen, interactive documentaries für ihre Inhalte zu nutzen.

Die wissenschaftliche Zielsetzung des Projektes besteht somit darin,

  1. zur wissenschaftlichen Erschließung neuer Paradigmen und Evaluierung des partizipativen Potentials zurzeit entstehender dokumentarischer Praktiken im Hinblick auf die Stärkung der Zivilgesellschaft beizutragen;
  2. Medienwissenschaftler aus den Bereichen Filmwissenschaft, speziell Dokumentarfilm, sowie der Digital Cultures/Digital Media Studies in einen Dialog zu bringen und eine organisatorische wie inhaltliche Vernetzung renommierter Forscher, Nachwuchswissenschaftler und außeruniversitärer Akteure aufzubauen;
  3. mithilfe verschiedener Maßnahmen über den akademischen Kontext hinaus die Vielfalt des im Entstehen begriffenen Phänomens zu reflektieren und damit mehr Menschen den Zugang zu diesen potentiell die mediale Teilhabe fördernden Konfigurationen zu eröffnen, die Partizipation, Plurivokalität und damit Pluriperspektivität ermöglichen, und in diesem Sinne auch im Dialog mit Forschern und Studierenden anderer Disziplinen das Potential emergierender Praktiken und
    filmisch gefasstes Wissen auszuloten, und einen kritisch-informierten Umgang mit Anwendungen im Sinne einer new media literacy zu fördern.
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